22.05.2019
„Wir machen unsere Kunden fit für die Zukunft“ – Yvonne Therese Mertens im Interview mit MBI Infosource

veröffentlicht in: MBI Energy 4.0 – Digitalisierung in der Energiewirtschaft, Nr. 10, 15.05.2019,
Text: Louisa Schmidt

Das Kölner Technologie-Unternehmen ATHION hilft Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Energiesysteme. Diverse Softwarelösungen  treffen intelligente Prognosen, optimieren Anlagen und steuern diese auf Wunsch sogar vollautomatisch. Das Kernversprechen: Die Kunden werden so fit für die Zukunft.

STEAG New Energies stand vor einer Herausforderung: Das Unternehmen betreibt in einer Kleinstadt zwischen Leipzig und Dresden ein Blockheizkraftwerk und versorgte damit Haushalte in Geithain über das Fernwärmenetz. Die Tochtergesellschaft von Deutschlands fünftgrößtem Stromerzeuger wollte den Betrieb wirtschaftlicher gestalten: Sie planten diesen schon mehrere Tage im Voraus und konnten so nicht reagieren, wenn die Preise am Strommarkt kurzfristig in die Höhe schnellten. Eine Lösung hat der Versorger beim Kölner Unternehmen ATHION gefunden.

Das einstige Startup bietet Industriekonzernen, Versorgern und Netzbetreibern ein breites Angebot intelligenter Softwarelösungen. „Unser Anspruch ist es, Unternehmen in der gesamten Digitalisierung ihrer Energiesysteme zur Seite zu stehen“, erklärt Gründerin und Geschäftsführerin Yvonne Therese Mertens. Dafür hat die studierte Informatikerin und Elektrotechnikerin mit ihrem Team über Jahre hinweg Wissen aus IT, Ingenieurwesen und der Energiewirtschaft zusammengeführt – und so Software entwickelt, die mittels Künstlicher Intelligenz und mathematischer Verfahren beispielsweise Preise auf dem Strommarkt oder den Energiebedarf prognostiziert oder Energiesysteme optimiert. Inzwischen zählt ATHION Stadtwerke und große Energieversorger zu seinen Kunden, aber auch Industrieriesen wie den Dax-Konzern HeidelbergCement. BMW nutzt die Lösungen ebenfalls.

Dahinter steht ein größeres Interesse am Geschäft der Kölner: Im vergangenen Jahr hat Digital Energy Solutions, ein Joint Venture von BMW und Viessmann, ATHION als eigenständige Tochter übernommen. Die STEAG-Tochter etwa nutzt gleich drei der ATHION-Produkte – darunter das Herzstück des Unternehmens,  wie Mertens es nennt. Die Software optimiert in Geithain den Fahrplan des Blockheizkraftwerks, zweier Kessel und der Wärmespeicher. Dafür hat ATHION ein künstliches neuronales Netz aufgesetzt. Dieses sagt voraus, wann die ans Fernwärmenetz angeschlossenen Haushalte wie viel Wärme benötigen. Ebenfalls mithilfe künstlicher Intelligenz prognostiziert ATHION die Preise auf dem Strommarkt. Um diese Prognosen nutzen zu können, hat das Unternehmen schließlich das Energiesystem vor Ort modelliert.

Software kann in Echtzeit den Einsatz der Technik optimieren

Die Königsdisziplin: Auf dieser Grundlage kann die Software in Echtzeit den Einsatz der verschiedenen Anlagen optimieren – und zwar so, dass sie gleichzeitig den Wärmebedarf decken, Strom aber auch dann erzeugen, wenn die Preise dafür am höchsten sind. Auf Kundenwunsch steuert ATHION das komplett automatisch: etwa wann ein Kraftwerk ein- oder abgeschaltet wird und wann Wärmespeicher be- und entladen werden. „So kann sich ein Unternehmen auf immer stärker schwankende Strompreise einstellen“, sagt Mertens. Das oberste Gebot dabei sei es, die Anlagen nicht negativ zu beeinflussen. Deshalb fließen alle technischen Details wie Stillstandzeiten in die Kalkulation ein.

Die Produkte von ATHION sollen möglichst jeden Kunden abholen – egal, ob die Digitalisierung im Unternehmen noch in den Kinderschuhen steckt oder schon weit fortgeschritten ist. Das ist in Mertens Augen eine wichtige Abgrenzung zu konkurrierenden Anbietern, da es bei ATHION fast alles aus einer Hand gebe. „Manche müssen ihre Energiesysteme erst einmal transparent gestalten, dort bieten wir eine leistungsfähige Energiemanagement-Software an“, sagt sie. Hervortun könne sich ATHION jedoch vor allem mit hochspezialisierten High-Tech-Lösungen wie Anomalieerkennungen, Prognosen oder Optimierungen in Echtzeit. „Dabei liegen wir deutlich über dem üblichen Stand der Technik“, sagt Mertens. Im Geschäft mit intelligenten Preisprognosen für den kontinuierlichen Intraday-Handel oder der bilanzkreisübergreifenden Optimierung mehrerer Liegenschaften etwa sieht sie bislang kaum Konkurrenz.

Für die Nutzung der Software zahlt jeder Kunde eine monatliche Gebühr. „Weitere Investitionskosten stehen nicht an. So können Unternehmen den Service auch im kleinen Umfang testen“, so Mertens. Kosten für die Services will Mertens nicht benennen. „Sie unterscheiden sich je nach Leistungsumfang und Produkt zu stark“, so die Gründerin. „Wir kalkulieren jedoch immer so, dass der Gewinn für den Kunden deutlich über den Kosten liegt.“

ATHION bietet Energieversorgern auch an, die Softwarelösungen an deren eigene Industriekunden zu verkaufen und so ihr Dienstleistungsangebot zu erweitern. „Der Versorger schreibt im Prinzip nur seinen Namen drauf und vermarktet das Produkt, wir übernehmen den Rest“, sagt Mertens. Entscheidend sei aber nicht nur der direkte Nutzen, den Kunden schon heute aus den Services von ATHION ziehen. „Unser Kernversprechen ist, dass wir Unternehmen für die Zukunft rüsten“, sagt Mertens. „Denn politisch, technisch und preislich wird in der Energiewirtschaft noch extrem viel passieren“, sagt sie. Unternehmen müssten darauf mit flexiblen Systemen reagieren können. Die sehr nahe Zukunft wird in ihren Augen beispielsweise so aussehen: Ans Verteilnetz sind schon heute eine Menge Anlagen jeder Größe angeschlossen – vom konventionellen Kraftwerk bis zur Solaranlage auf dem Hausdach. Je größer der Anteil erneuerbarer Energien, desto stärker schwankt die Strommenge, die sie ins Netz einspeisen. „Dieses muss intelligent werden. Daran führt kein Weg vorbei“, sagt Mertens.

Anlagen können gezielt gesteuert und netzdienlich geregelt werden

Deshalb tüftelt ihr Unternehmen mit weiteren Forschungspartnern an Lösungen, wie man die Netze optimieren kann. „Es funktioniert schon ausgezeichnet, angeschlossene Anlagen gezielt zu steuern und netzdienlich zu regeln“, sagt sie. Doch damit sich die Lösung auf dem Markt durchsetzen kann, müsse die Politik stärkere wirtschaftliche Anreize für die Netzbetreiber setzen. Denn der könne von einem solchen Marktmodell bisher nicht profitieren. Dahinter steht das Ziel, stets für möglichst alle Anwendungsfälle im Energiesystem eines Kunden die passende Lösung parat zu haben. Mertens ist sich sicher: „Mit unseren Produkten können Unternehmen schnell auf technologische Umbrüche, neue Gesetze und Geschäftsmodelle reagieren.“

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